Interview aus der Ostsee-Zeitung vom 12. August 2009

Ein Mann, ein Theater

„Schokominze, marokkanische oder russische Minze?“ Ein Mann mittleren Alters kniet in einem kleinen Kräuterbeet und lächelt. Sven Lange, der Mann der Ein-Mann-Schauspielbühne Dramaukles aus Rostock. „Ich trete häufig auf Lebens-Art-Messen auf, die sich originell mit Garten-, Wohn- und Ernährungsideen auseinandersetzen“, erklärt der gebürtige Rostocker. Daher die pflanzlichen Mitbringsel.

Sven Lange ist Schauspieler.  Sein Diplom erwarb er mit 30 Jahren an der Hochschule für Musik und Theater (HMT) in Rostock. Zuvor schloss er seine Ausbildung zum Baufacharbeiter ab, reiste durch Osteuropa, arbeitete als Lottoscheinauswerter in Erfurt. Ein Job, bei dem er Lottoscheine per Hand auszählen musste.

Die Schauspielerei kein Kindertraum? „Ja! Dass ich meine Erfüllung im Darstellen finde, ist aus sich heraus gewachsen“, sagt der 42-Jährige. „Neben der Arbeit half ich als Bühnentechniker in Erfurt, schließlich am Volkstheater in Rostock.“ Aus dem Bühnentechniker wurde ein Laiendarsteller. Und aus dem Laienspiel der Gedanke: „Warum nicht ernst machen?“ Das war zur Wende. „In dieser Zeit standen einem ja plötzlich so viele Möglichkeiten offen.“ Und Lange ergriff seine Möglichkeit – das Studium der dramatischen Künste. Das war vor zwölf Jahren. Heute ist er freiberuflich darstellender Künstler. Und führt ein eigenes umherziehendes Theater: Dramaukles. Lange ist Intendant und Darsteller in einem.  Dramaukles – der Name ist Programm: Drama plus Gaukelei. Sein Repertoire enthält Schauspiel, Artistik, Jonglage und Clownerie. Seine Auftrittsorte sind Fußgängerzonen, Festivalplätze, Messen, Vereins- oder Betriebsfeiern, auch Hochzeiten. „Die Straße als Bühne. Das hat mich gereizt. Und die Vermischung von dramatischer Kunst mit Straßenunterhaltung“, erzählt der Rostocker.

Lange hat das dunkle Haar zu einem Zopf gebunden, die Sonnenbrille hochgesteckt, wippt lässig zurückgelehnt. Die Narrenfreiheit seiner Figuren fasziniere ihn. Die Option, Dinge zu tun, auszuprobieren, die man sich nicht trauen würde. Er schmunzelt. „Gutes Theater ist ehrliches Theater“, meint er. Und was ist das: ehrliches Theater? „Eines, das von innen heraus getrieben wird. Um des Spiels und der Zuschauer willen. Nicht vordergründig wegen der Gage“, antwortet der Schauspieler. Kunst um der Kunst willen? Er möchte die Menschen berühren, sie für einen Moment von ihrem Weg beiseiteziehen. Das klappe mal mehr, mal weniger: „Ich habe nur einen Körper, mein einziges Arbeitsmittel. Allein kommt man schnell an seine Grenzen. Da muss man aufpassen, nicht auszubrennen“, gibt der Vater zweier Kinder zu. Dramaukles ist nicht nur Leidenschaft oder Hobby. Es ist seine Existenzgrundlage, sein Business. Zum professionellen Spiel gehörten das Proben und den Körper fit zu halten. Terminmanagement, Buchhaltung, Kundenbetreuung zählen genauso zu den Aufgaben des Akteurs wie Reparaturen von Auto oder Requisiten, Kostümherstellung und -reinigung.  Selbstständig – ständig selbst. Der Spruch treffe auf ihn zu. Dennoch: Die freiberufliche Schauspielerei, die Unabhängigkeit möchte er nicht missen. Einziger Wermutstropfen: „Das Ensemble fehlt mir, gemeinsam zu spielen, die Organisation und Aufregung teilen. So ist man für alles allein verantwortlich“, gesteht der Künstler. Dramaukles zum Mehrmann-Theater vergrößern? „Leider steigt die Bezahlung nicht mit der Anzahl der Darsteller“, gibt Lange zu bedenken. So bleibt Dramaukles, was es ist: Theater von einem Mann. Ein-Mann-Theater.




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