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Interview im Rostock Wortwechsel - Ausgabe Juli 2007

Sven Lange ist jemand,dem man am besten nachts begegnen sollte: Im Stockfinsternen kommt sein Können bestens zur Geltung.

Doch auch, wer den Schauspieler, Artisten, Feuerjongleur am Tage kennen lernt, wird auf seine Kosten kommen. Sven Lange verwandelt sich nach Bedarf in einen vollendeten englischen Gentlemen, einen Clown, einen begeisterten Paragraphenreiter ... Sein Ein-Mann Theater hat er "Dramaukles" genannt. Drama, Gaukler und die Wurzeln des griechischen Theaters sind in dem Wort vereint. So, wie er die Rollen wechselt, wechselt Sven Lange auch die Orte seines Spiels: Er war in Finnland und Frankreich, Marokko und Neuseeland, Nürnberg und Schwedt-und nirgends allzu lange.


Wer meint, das Spielen, Gaukeln und Umherfahren müsste dem Menschen in die Wiege gelegt sein, der kann sich durch den Lebenslauf des Weltenbummlers getrost eines Besseren belehren lassen. Sven Lange wurde 1967 in Rostock geboren, die Mutter war Kindergärtnerin, der Vater Bauingenieur. Abgesehen von seiner Mitarbeit im Schüler-Diskoclub am Pionierhaus in Rostock verlief die Kindheit und Jugend des späteren Schauspielers unspektakulär: Er ging zunächst zehn Jahre lang in Brinckmansdorf zur Schule und wurde danach Bau-Facharbeiter. In diesem Beruf hat er auch bis kurz vor der Wende gearbeitet, doch dann begann er zu reisen. 1989 besuchte er Rumänien, reiste zu Fuß nach Russland ein und landete schließlich in Ungarn. Doch während andere über den Zaun der Botschaft kletterten, entschied sich Sven Lange, nicht auszureisen. Nach reiflicher Überlegung. "Die Möglichkeit zum Touren hätte mich schon gereizt. Aber ich wollte nicht für immer weg von hier, von den Freunden", begründet er seinen Schritt. Als er-weit später als sein Freund - wieder zu Hause ankam, hatten ihn viele Freunde schon abgeschrieben in der Meinung, er sei nun "drüben". Nun war Sven Lange zwar zurückgekehrt, aber ganz nach Haus zog es ihn doch nicht mehr. "Baufacharbeiter zu sein - das wars einfach nicht", hatte er festgestellt. Statt dessen ging er nach Erfurt - als Lottoscheinauswerter der Vereinten Wettspielbetriebe der DDR. Mit einer Pappschablone ausgestattet kontrollierte er, ob irgend einen Landsmann das große Glück ereilt hatte. Das blieb Handarbeit, weil die dafür konzipierten Maschinen schlicht nicht in der Lage waren, die Lottoscheine einzeln einzuziehen und auszuwerten. Zuvor musste er dreimal eine Viertelstunde "probezählen".
Der Lotto-Job, man ahnt es schon, was für Sven Lange nur die notwendige Anstellung, um in der verbleibenden Zeit das tun zu können, was er eigentlich wollte: Er jobbte am Schauspielhaus in Erfurt, half bei der Bühnentechnik, schnupperte Theaterluft. Nach dem Fall der Mauer wurde er in Rostock Bühnentechniker und baute zusammen mit Thomas Hinz die BehindertentheaterTruppe "Die Verzauberten" auf. Im Jugendalternativzentrum (JAZ) am Rosengarten hatten sich die beiden kennen gelernt. Hier hatte Sven Lange auch die ersten Berührungspunkte mit Jonglage: Er half, Requisiten zu besorgen und er reiste zu Jonglier-Treffen - nach Bristol in England und innerhalb von Deutschland. Er liebte Straßentheater und Straßenmusik, sie zogen ihn magisch an. Nebenbei spielte er in zwei Laien-Schauspieltruppen mit und dort wurde auch die Idee geboren, er möge doch einmal an der Schauspielschule vorsprechen. 1992 probierte er es zum ersten Mal - ergebnislos, denn dies war die Zeit, in der die Schauspielausbildung in Rostock eigentlich abgewickelt werden sollte Schon 1993 war die Phase überstanden und bis 1997 studierte Sven Lange Schauspiel in Rostock. es war eine harte und schöne Zeit, erinnert er sich. " ich hatte diese Idee vom Straßentheater in mir und nun sollte ich zu einem ernsthaften Ensemble-Schauspieler werden. Ich hatte Vorbehalte und meine Dozenten hatten ebenfalls welche. Im zweiten Studienjahr schließlich hat mich Achim Lemke geknackt, wenn man das so sagen kann. Bei ihm habe ich begriffen, warum ich auf diese Weise Schauspieler werden sollte" erzählt er.

Schon als Student stand er im Volkstheater Rostock auf der Bühne, dem Studienabschluss mit 30 Jahren folgte ein Engagement in Schwedt. "Es war schön, an einem festen Haus zu spielen, in einem Ensemble. Aber die Hälfte der Sachen, die ich da machte, mochte ich eigentlich nicht" ist das Fazit dieser Zeit. Doch er versuchte, das Beste daraus zu machen. Als er sich allerdings mit einem Theaterleiter auf der Bühne wiederfand, der lauthals den Schlager "Keine Bange, wir holen eine Zange..." intonierte und selbst schunkeln musste, fragte er sich, was er da sollte. Und nach 2 1/2 Jahren endete sein Engagement in Schwedt.
Zurück in Rostock übernahm Sven Lange den künstlerischen Teil der Arbeit im Fantasiazelt des Vereins Behinderten Alternative Freizeit. Das Jonglieren, auch mit Feuer, rückte wieder mehr in den Vordergrund. Als er 2001 im Stück "La Strada" als Zampano im Zirkuszelt auf der Bühne stand wusste er: Das ist es! Die Verbindung aus Artistik und Schauspielerei in dieser Rolle war genau das, was er gesucht hatte.
Im Grunde war es da nur folgerichitg, dass er ab 2003 begann, sich mit eigenen Programmen selbstständig zu machen. Von diesen Moment an war er stets auf der Suche nach neuen Nummern, Effekten, Ideen, Spielstätten, Mitstreitern. Diese Suche blieb nicht auf Deutschland beschränkt. Sven Lange bereiste Spanien, Marokko, Neuseeland, wo sein Freund aus den Anfangsjahren, Thomas Hinz, inzwischen ein Projekt aufgebaut hatte, Dänemark, Frankreich, Polen...

"Die Anlaufs-Phase hat drei Jahre gedauert", sagt Sven Lange heute. Jetzt ist der Sommer nahezu ausgebucht und auf der Internet Seite des Theater Dramaukles finden sich sieben verschiedene Angebote, die ihn für Veranstalter interessant machen. Hin und wieder kehrt er auch noch zum "ernsten" Theater zurück, für vier Monate reiste er nach Nürnberg, um dort bei der Produktion "Die Perser" dabei zu sein. Mitunter arbeitet er mit Kollegen gemeinsam und ein Halt ist - da es keine feste Truppe gibt - der Landesverband der freien Theater MV. "Das ist eine gute Truppe, wir können gut mit einander und wenn man frei arbeitet braucht man Leute, die Kontakt halten", sagt er.
Denn frei zu arbeiten - so schön es ist - ist hart. Nicht nur der Winter in Mecklenburg Vorpommern ist eine schwere Zeit für Fahrensleute wie Sven Lange. Auch im Sommer hat er "mal ganz viel zu tun und mal fast nix. Man wünscht sich immer, dass das alles schön nacheinander herein kommt. Aber das klappt nie". Die flaue Winterzeit kann er zum Reisen nutzen, die turbulente Sommerzeit strukturieren zu wollen, ist nahezu aussichtslos.
Fast ebenso schwierig ist der Versuch, ein geregeltes Familienleben aufzubauen. Seine jüngere Tochter Leela hatte Sven Lange schon für drei Monate mit in Neuseeland, er nimmt sie mit zu Kinder-Theater-Workshops, die er leitet oder auf andere Vater-Tochter-Reisen. Die 13 jährige Lovis ist seltener dabei.

"Es ist eine Leidenschaft, zu spielen und ich habe Angst davor, dass irgend etwas langweilig wird", erzählt der Artist und Schauspieler, aber dieses Leben beschert ihm auch zutiefst einsame Momente. "Wenn man vor Publikum gespielt hat und die Leute gingen mit und nach der Vorstellung hat man geschwatzt und manchmal auch mit einander gefeiert, dann kommen die Momente, in denen man alleine ist. Wenn alle weg sind. Eigentlich ist es ermüdend, allein unterwegs zu sein" gesteht er. Das Auf und Ab zwischen einsamer Anreise mit dem Auto, der Vorbereitung auf den Auftritt, dem Spaß bei der Show und der Stille danach zermürbt.
Sven Lange versucht, dem zu begegnen. Er verschönt sich die Touren, hält unterwegs an, um etwas anzusehen, baden zu gehen oder Freunde zu besuchen. Befragt nach seinen Wünschen für die Zukunft sagt er: "Irgendwann hätte ich Lust, aufs Land zu gehen. Auf einen Hof mit großer Scheune, vielleicht in eine WG mit anderen Künstlern und mit Familie, zu der man heimkehren kann".
Das Dramaukles-Theater könnte sich vergrößern, zu einer fahrenden Truppe werden, vielleicht wäre auch ein festes Ensemble mal wieder schön. Genau weiß er es nicht, aber er spürt schon hin und wieder, dass ihm die Anstrengung in den Knochen steckt, dass sich bei den Feuershows die Lunge meldet, wenn er den rußigen Qualm einatmet, dass auch die langen Autofahrten Kraft kosten.

"Ich habe das Hobby zum Beruf gemacht, das heißt auch, dass sich alles ums Theater dreht" gibt er zu. Etwas anderes zu tun, kommt kaum in Frage. Doch auf die Frage, wie es zu tun ist, gibt ...


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